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INFOS
Wenn aus Zahlen Menschen werden

Begegnungen mit Menschen auf der Flucht

Der Sozialmediziner Gerhard Trabert nimmt uns in „Am Abgrund der Menschlichkeit“ mit auf seine viele Reisen in die Flüchtlingscamps und Krisenherde dieser Welt.

© Foto: Reiner Pfisterer

Sie kennen das sicher auch: manchmal fällt einem ein Buch in die Hände, das einen auf ganz besondere Weise berührt, aufwühlt und nachdenklich stimmt. Ein Buch, das ein Herzensbuch ist, das man nicht mehr aus dem Bücherschrank geben und am liebsten auch nicht verleihen möchte, damit es bloß nicht abhandenkommt. So erging es mir mit dem Buch „Am Abgrund der Menschlichkeit“ von Prof. Dr. Gerhard Trabert. Ein Buch, dessen Lektorat mitten in eine personelle Umbruchphase in unserem Verlag gefallen ist. Ein Buch, das deshalb zunächst kürzer gekommen ist, als es beabsichtigt war, und dennoch so viel Aufmerksamkeit erfordert hat, dass ich es nicht weggeben wollte. Ich wollte Teil dieses Buches sein, dabei helfen, die Geschichten zu erzählen, die so wichtig sind. Geschichten von Menschen, die bei uns bestenfalls als anonyme Zahlen durch die Medien geistern: Menschen auf der Flucht.

Selbstverständlich sind es auch die erschütternden Fakten, die nachdenklich stimmen und sprachlos machen. Wie zum Beispiel der Fakt, dass jede Minute 25 Menschen auf der Welt aus ihrer Heimat fliehen müssen. 25 Menschen jede Minute! Wahnsinn, wenn wir das mal mit unserer eigenen Lebenswirklichkeit abgleichen. Aber es sind vor allem die direkten Begegnungen, die Gerhard Trabert uns ermöglicht, die mich nicht loslassen. Erlebnisse hilfloser Menschen, die nach einer lebensgefährlichen Flucht bestenfalls in lebensfeindlichen Lagern ankommen und schließlich schlimmstenfalls bei uns noch fremdenfeindlichen Menschen begegnen. 

Es ist besonders die Geschichte der kleinen Khadeja, eines fünfjährigen Mädchens mit zerzausten Pumucklhaaren, die mich aufwühlt. Ein kleines Mädchen, dessen Eltern IS-Kämpfer waren und deren Ermordung dieses kleine Geschöpf mitansehen musste. Völlig verängstigt in einem Erdloch kauernd wurde sie von Soldaten der irakischen Armee aufgegriffen und zum Glück zu den Ärzten im nächstgelegenen Flüchtlingscamp gebracht. Der darauffolgende Kampf um den Verbleib des Mädchens liest sich wie ein Krimi, der mich auch nach mehrmaligem Lesen noch zu Tränen rührt. Nur ist dieser Krimi keine Fiktion, sondern Realität.

Ebenso bewegt mich die Geschichte des 25-jährigen Abdulkarim, einem Steinmetz aus Damaskus, der auf der Flucht angeschossen und so schwer verletzt wurde, dass er seitdem querschnittsgelähmt ist. Wie er in dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Moria-Camp auf Lesbos überlebt, ist unfassbar. Als körperbehinderter Mensch ist er angewiesen auf die Hilfe seiner Zeltgenossen, die ihn zur Toilette (sofern man das so nennen kann) tragen, ihn mit Essen und Trinken versorgen. Über Jahre! Die Geschichten, die hier erzählt werden, und die für uns häufig unvorstellbar sind, Alltag für viel zu viele Menschen auf dieser Welt.

Zum Glück aber gibt es auch immer wieder Geschichten, die Hoffnung machen. Geschichten von Menschen, die es nach Jahren des Leids endlich schaffen, sich ein neues Leben aufzubauen. Geschichten von Menschen, die gerettet werden. Diese Geschichten sind es, die auch Gerhard Trabert immer wieder Antrieb geben. Und natürlich die Tatsache, dass es noch so viele Menschen gibt, denen noch geholfen werden muss.

Es ist ein Buch von einem Mann, der auf beeindruckende Art und Weise Nächstenliebe lebt und für seine Überzeugung einsteht. Dieses Buch fordert dazu auf und fordert ein, sich auf die Lebenswirklichkeit von Menschen auf der Flucht einzulassen. Es ist kein „gemütliches“, sondern ein sehr fundiertes, gründlich recherchiertes und vor allem persönliches Buch, das uns einen neuen Zugang zur Frage unserer Zeit ermöglicht: In welcher Welt wollen wir künftig leben? Welchen Wert hat die Menschlichkeit darin?

Ein Beitrag von Sarah Koller, Programmleiterin adeo

 

 

 

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