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INFOS
Ein leidenschaftliches Plädoyer

Andersdenkenden die Hand reichen

Michael Diener legt den Finger in die Wunde schwelender Konflikte und spaltender Tendenzen in christlichen Gemeinden.

© Foto: Gnadauer Verband

„Evangelikal“ wird von vielen Menschen mit Fundamentalismus, Schwarz-Weiß-Denken und einem eher rückschrittlichen Denken assoziiert. Warum hat der Begriff einen so negativen Beigeschmack?

Das ist eine komplexe und schwierige Frage. Ich kenne einige Menschen mit einem „evangelikalen Glaubensprofil“, die nur in Kategorien denken, einfache Antworten auf komplexe Fragen und „verstaubte Ansichten“ haben. Genauso richtig ist aber auch, dass ein „evangelikales Glaubensprofil“ in unseren Breitengraden ein Minderheitsprofil ist – Mehrheiten neigen dazu, das, was anders ist, kritisch und abwertend einzuschätzen und pauschal zu schubladisieren. Soll heißen, dass diese Assoziationen einer Vielzahl von Christenmenschen, die „evangelikal“ glauben, nicht gerecht werden. Und deshalb, das wäre mein dritter Antwortversuch, ist es eine Aufgabe der Mehrheit, genau und differenziert hinzuschauen und eine Aufgabe für evangelikale Christen einen besseren Eindruck mit ihrem Profil zu hinterlassen – dazu soll mein Buch ja auch eine Hilfe sein.

Darin benennen Sie ja deutlich zerstörerische Tendenzen der evangelikalen Bewegung und ermutigen zum Umdenken. Was genau ist Ihnen dabei wichtig?

Es ist doch absolut unbestreitbar, dass im christlichen Glauben die Liebe das Zentralste und Entscheidendste ist – Gottes Liebe zu seinen Geschöpfen soll unser Leben prägen. Dann kann es doch nicht sein, dass die, welche ganz intensiv von dieser Liebe geprägt sein wollen, oft so lieblos wahrgenommen werden. ((fett = Herausstellung)) Lieblosigkeit hat etwas mit „Distanz“ zu tun. Es gibt eine eher be- und verurteilende Sicht auf andere Menschen, die dann wächst, wenn ich die biblische Botschaft nicht mit meiner Kultur und Zeit zusammen sehe und verstehe. Das ist aus meiner Sicht das Grundübel: aus einem unsachgemäßen Blick auf die Bibel, wächst ein verkürzter und schädlicher Blick auf die Menschen und die Entwicklungen unserer Zeit.

Wie können Menschen die Spannung zwischen einem konservativen bibelzentrierten Welt- und Glaubensbild und dem Leben im Hier und Jetzt denn auf gute Weise leben?


„Konservativ“ ist per se nichts Schlechtes. Es bedeutet erst einmal, zu schätzen, was da ist und was sich durch die Zeiten bewährt hat. Und die Bibel ermutigt doch genau dazu: in der jeweiligen Zeit, inspiriert und geleitet von Gottes Wort und Geist zu leben. In Zustimmung und in Widerspruch zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Ein „gutes Leben“ wächst da, wo ich überzeugt bin, dass Gott nicht nur „damals“ geredet hat, sondern dass er heute Wegbegleiter unseres Leben ist und dass im Zusammenspiel von Bewährtem und Neuem die biblische Botschaft erst richtig zum Leuchten kommt und Menschen von Glaube, Liebe und Hoffnung geprägt werden.

Was brauchen Christen – vor allem die nachfolgende Generation –, um ihren Glauben frei und offen leben zu können und dabei einladend für Nichtchristen zu sein?

Es ist alles da, was Christ*innen brauchen: Jesus und seine Liebe durch jede Pore des Lebens selbst empfangen und diese Liebe an andere weitergeben. Wo Liebe ist, wird mein Gegenüber mir zu Jesus. Der Jesus in mir, sieht den Jesus im Nächsten. Wo Liebe ist, weicht die Angst vor veränderten Zeiten und Herausforderungen. Wo Liebe ist, wächst die Freude an der Vielfalt und Buntheit der Christenheit. Wo Liebe ist, gedeihen Freiheit und Gerechtigkeit. Wo Liebe ist, schwindet der Raum für fromme Selbstbefriedigung und Streiterei.

Das Interview führte Ilka Walter.


 

 

 

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